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 Rettungsversuch

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Jesse Anderson

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BeitragThema: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 10:29 pm

Jesse
Der Boden tat langsam weh, doch er ignorierte die Beschwerden seines Körpers. Wie lange war er schon hier gefangen? Wie lange war er schon hier? Es war nichts neues, was er gerade fühlte. Es gab eben kein Bett, auf das er sich hätte legen können. Einzig und alleine durch eine Luke an der Wand wurde ihm zweimal am Tag etwas zu Essen und zu Trinken gebracht, doch meistens ließ er, zumindest das essen, einfach nur stehen. Vor allem in den Momenten, wo die Schmerzen viel zu stark waren. Und damit waren nicht einmal die körperlichen Schmerzen gemeint. Seine Glieder würden schon wieder aufhören zu schmerzen, wenn er ein wenig in seiner kleinen Zelle auf und ab gehen würde um sich ein wenig zu bewegen. Nein, es waren die Schmerzen in seinem Inneren, die ihn um den Verstand brachten. Die Sehnsucht, die tief in seinem Inneren brannte und ihn seit unzähligen von Jahren quälte. Schon immer hatte er sie empfunden, doch erst seit er hier eingesperrt war, nahm er sie mehr als nur deutlich wahr. Denn erst, seit diese kleine Zelle sein Zuhause geworden war, war er der Person, nach der er sich so sehnte, näher als er es vorher je gewesen war. Und doch waren sie einander nie so weit entfernt gewesen wie jetzt. Es trennte sie nur ein kleiner Flur und zwei Glaswände, durch die sie direkt in die Zelle des jeweils anderen sehen konnten. Sie durften sich sehen und ab und an auch miteinander über ein paar Lautsprecher reden, aber auf keinen Fall durften sie einander direkt gegenüber stehen, geschweige denn sich auch nur im Ansatz berühren. Sie waren beide unsterblich, lebten schon einige Jahrhunderte, ein Jahrtausend, doch wenn sie einander näher kommen würden, nur die Haut des Anderen mit einer Fingerspitze streifen würden, würde ihr Gegenpart sterblich werden; altern und irgendwann dem Tod gehören. Dieses Schicksal wollte man seinem Partner nicht antun, davon abgesehen, dass das Gegenstück der einzige Grund war, diese ganzen Qualen hier zu überstehen.
Meistens zumindest.
Jesse fühlte sich in diesem Augenblick aber nur zu schwach um sich den Qualen zu stellen, die in ihm wüten würden, wenn er nur einen einzigen Blick in die andere Zelle riskieren würde. Er wollte die braunen Haare nicht sehen, die in zwei verschiedenen Tönen gehalten waren; wollte nicht in die schokoladenbraunen Augen sehen, die seine eigene Sehnsucht widerspiegelten. Für den einen Moment würde es zwar wie Balsam für seine Seele sein – vor allem, wenn sie beide dann eventuell sogar miteinander reden dürften -, doch die Schmerzen, die danach auf ihn einschlagen würden, waren jedes Mal kaum auszuhalten. So hatte er sich also heute, kaum, dass er aufgewacht war, in die hinterste Ecke seiner Zelle verzogen, sich zu einer Kugel zusammen gerollt und die Augen wieder feste zusammen gekniffen, wenn er nicht gerade die Decke über sich oder die Wand vor sich angestarrt hatte, denn er lag mit dem Rücken in Richtung der Glasscheibe um nicht doch der Versuchung zu erliegen, einen kurzen Blick zu erhaschen. Sein Essen und Trinken hatte er nicht angerührt, sodass es so, wie er es bekommen hatte, vor ein paar Minuten von den Menschen der Organisation, welche ihn und seinen Gegenpart – Jaden – hier festhielt, wieder mitgenommen wurde. Wenn er Glück hatte, ließen sie ihn für heute in Ruhe und versuchten ihn erst morgen wieder dazu zu überreden, wieder etwas zu Essen und zu Trinken. Doch egal wie sehr sein Hals schon weh tat – er hatte gestern schon auf alles verzichtet und sich, wie jetzt auch, nur hier her gelegt! – und sein Magen knurrte, er wollte einfach nur bei Jaden sein.
Aber genau das war ja verboten. „Jaden…“, kam ihm der Name seines Partners über die Lippen, ehe er sich noch enger zusammen rollte, als könnte er den inneren Schmerz so zurück halten.
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Jaden Yuki

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:35 pm

Der Raum, in dem er sich befand, war drei Schritte breit und vier Schritte lang. Er war sich dieser Maße so bewusst, er kannte sie besser als sein eigenes Spiegelbild – was kein wirkliches Wunder war, immerhin hatte er die Wände in einem ewigen Sich-im-Kreis-drehen seit so vielen Jahren abgeschritten, er konnte sich nicht einmal mehr zählen. Drei Wände bestanden aus kaltem, harten Beton, der über die Jahrhunderte, die er nun in ihnen hauste, nichts von ihrer Stabilität verloren hatten, egal wie oft er sich mit all seiner Kraft dagegen geworfen hatte, damit die körperlichen Qualen die seelischen abstumpften. Nicht, dass es je etwas geholfen hätte, aber das Brennen in seinen Gliedmaßen und das scharfe Pulsieren gebrochener Knochen hatten wenigstens einige wenige Momente dafür gesorgt, dass die unstillbare Sehnsucht sein Inneres nicht weiter in tausende und abertausende kleine Fetzen zerriss. Manchmal fragte er sich, wie überhaupt noch etwas von ihm übrig sein konnte – war er nicht irgendwann einmal in so viele kleine Teile zerrissen, dass man sie nicht weiter teilen konnte? Dass er sich endlich einmal an den Schmerz gewöhnen und vielleicht über die nächsten Jahrhunderte taub dafür werden konnte? Aber nein, bisher hatte man ihm diesen Gefallen nicht getan und jeder Blick zur dritten Seite des Raumes, die aus vermutlich so etwas wie Panzerglas bestand, zeigte ihm auch warum.
Der kleine Flur, der ihre beiden Zellen voneinander trennte, war seit so unendlich langer Zeit von keinem Menschen mehr betreten worden, aber Jaden erinnerte sich noch dunkel an einen hochgewachsenen, hageren Mann, der beruhigend auf ihn eingesprochen hatte und ihn versucht hatte davon abzuhalten, sein Äußeres in ein Spiegelbild seines inneren Selbst zu verwandeln und sich mit seinen telekinetischen Fähigkeiten selbst zu verletzen. Der Mann hatte schnell feststellen müssen, dass das Panzerglas Jaden zwar erfolgreich an einem Ausbruch hinderte, dass er jedoch keinerlei Probleme damit hatte, seine Gabe auch auf Dinge außerhalb seines Raumes anzuwenden. Jaden hatte den Menschen nicht wirklich verletzen wollen und im Nachhinein hatte er es mehr als nur bedauert, ihn so hart gegen die Tür am Ende des Flures prallen zu lassen, aber in diesem Moment hatte er einfach nur gewollt, dass der Mann den Mund hielt. Es war alles wunderbar, dass die Leute ihnen nur helfen und sie beschützen wollten, aber das hier war doch kein Leben! Ja, es war nicht einmal wirklich eine Existenz!
Natürlich war es anschließend nicht er gewesen, der für die Wunden und Knochenbrüche des Mannes hatte zahlen müssen. Sie hatten Jesse, den türkishaarigen jungen Mann in der Zelle ihm gegenüber, nachdem seine Seele nun schon über ein Jahrtausend schrie und nachdem sich jede Faser seines Körpers verzerrte, dafür bestraft, und seit diesem Tag hatte er seine Gabe nicht wieder angewendet, weder gegen andere, noch gegen sich selbst und manchmal fragte er sich, ob er sie nicht ebenfalls verlernt hatte, wie all die anderen Gaben seines Volkes über die Generationen verlernt worden waren, da sie einfach nicht benutzt wurden. Dann jedoch spürte er wieder einmal die Anwesenheit eines Gegenstandes oder einer Person in seinem telekinetischen Netz und er wusste, dass seine Gabe noch immer nur einen Gedanken weit entfernt war.
Der Klang seines Namens, gesprochen in einer brüchigen, leisen Stimme, die in seinen Ohren jedoch nichts von ihrer Perfektion verloren hatte, ließ ihn stolpernd zum Halten kommen. Mehr aus Reflex drehte er sich zu der Person, von der er wusste, dass von ihr das Wort gekommen war. Für gewöhnlich mied er es, durch das Panzerglas in die Zelle gegenüber zu schauen, um die Sehnsucht in seinem Inneren nicht ins Unermessliche zu treiben, aber offenbar hatte irgendeiner ihrer Gefängniswerter beschlossen, einmal wieder die Lautsprecher einzuschalten, die ihre Zellen miteinander verbanden. Jaden wusste nie, ob es eine Art von Bestrafung oder eine Linderung für seine Schmerzen sein sollte, denn irgendwie war es beides.
„Jesse…“, flüsterte er und starrte gebannt auf die Gestalt seines Partners, der sich auf dem harten Betonboden zu einer Kugel zusammengerollt hatte. Dann brach der Name des Anderen erneut aus ihm heraus, jedoch ein wenig lauter: „Jesse!“

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Jesse Anderson

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:35 pm

Zuerst konnte er den Blick in seinem Rücken spüren, ehe er dann die Stimme vernahm, die erst flüsternd, dann fordernd seinen Namen aussprach. Eine Stimme, die für Jesse eine mehr als wundervolle Melodie war. Der Schmerz in seiner Brust klang langsam ab, denn wenn Jaden sprach, fühlte sich das für Jesse wie Balsam für die Seele an. Doch er wusste langsam, dass dieses angenehme Gefül einer noch fürchterlicheren Qual weichen würde, sodass er dagegen ankämpfte, sich in Jadens Richtung zu drehen, auch wenn sich alles in ihm danach sehnte, mit dem Anderen zu reden und in seine schokoladenbraunen Augen zu schauen, ja gar darin dann zu versinken. Es würde ihn allerdings nur noch mit einer viel größeren Sehnsucht zurück lassen, wenn er dem Verlangen jetzt nachgab. Was wollte die Organisation damit bezwecken? Wenn sie einander schützen wollten, oder eher sich ja gegenseitig vor dem jeweils anderen, warum quälten sie dann sie beide so? Warum konnte das nicht anders gehen? Es war eine seelische Folter, der Jesse nicht entgehen konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Alles, was dieser Schmerz an Vorteil brachte, war die Sache, dass er dadurch spürte, wie er noch am Leben war. Zu mehr war dieser Schmerz nicht gut und die Sehnsucht auch erst Recht nicht. Wenn er sich jetzt zu Jaden umdrehen würde, würde sein Kopf nur wieder Bilder projuzieren, die niemals eintreten werden. Niemals würde er durch Jadens Haar streichen können, ihn niemals im Arm halten. Er würde niemals über seine Wange streichen können, egal ob mit seiner Hand oder mit seinen Lippen. Und erst Recht würde er ihn niemals küssen dürfen, ega wie sehr er sich das wünschte...
Moment, stopp! Warum hatte er diese Bilder jetzt im Kopf? Genau die Bilder, die er hatte verhindern wollen? Und wieso entspannte sein Körper sich immer mehr, während die Sehnsucht dennoch weiterhin wuchs?
„Jaden...“ Jesses Hände lagen an dem Glas, als er sich selber dicht davor stellte. Sein Körper hatte schneller reagiert als er es selber hatte wahrnemen können, sodass er doch nachgegeben hatte und nun sich an das Glas gestellt hatte, um Jaden so nahe wie möglich zu sein. „Es ist schön, deine Stimme zu hören...Wie geht es dir?“ Ein schwaches, aber dennoch irgendwo ehrliches Lächeln umspielt seine Lippen. Auch wenn er wusste, dass er bald wieder fast vor Schmerzen wimmern würde, war dieser kleine Moment, den sie jetzt teilten, eine kleine Art von Glück – wenn man es so nennen wollte. Denn wahres und ehrliches Glück würden sie niemals erfahren dürfen. Dafür müssten sie hier ausbrechen, aber selbst dann wäre es ihnen nicht möglich. Jesse war gewiss nicht so egostisch, dass er Jadens Unsterblichkeit riskieren würde, nur um ihm einmal zu berühren. Doch nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob es wirklich so verboten war, wie sie alle immer taten. Seit Jahrhunderten wurde ihnen das immer wieder erzählt und langsam hatte Jesse ja auch wirklich daran geglaubt. Doch dieser Wunsch, Jaden nahe sein zu wollen, fühlte sich so natürlich an, als wäre es ein Teil von ihm. War es daher wirklich so falsch, dies alles zu fühlen? Oder waren diese Gefühle nur eine Prüfung, wo eine harte Strafe folgte, wenn er sie nicht bestand? Und wenn er verlor, wer von ihnen würde dann bestraft werden?
/Wohl eher Jaden, als ich.../ Wenn nicht durch eine Gewalt der Natur, dann durch die Organisation. Noch heute konnte er die Schmerzen spüren, die sie ihm zugefügt hatten, weil Jaden einen Mitarbeiter verletzt hatte. Er nahm es seinem Partner nicht übel und hatte mit zusammengebissenen Zähnen alles über sich ergehen lassen. Doch diese Qualen, oder noch schimmeres, wollte er der Person, nach der er sich mit Haut und Haaren verzehrte, nicht antun.
Nur weil er nicht stark genug war, einer Sünde zu widerstehen.
Wenn es wirklich denn eine Sünde war.

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Jaden Yuki

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:36 pm

Der erste Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, war immer ein bisschen magisch: Für einige wenige Herzschläge gab es nichts anderes als sie beide, kein Glas, keine Schmerzen, keine Organisation die sie zu ihrem eigenen Schutz voneinander fern hielt. Es zählte nichts anderes, als in den smaragdfarbenen Augen des Menschen zu versinken, der seine ganze Welt war und für den er alles tun würde, selbst diese unendlichen täglichen Qualen stumm zu ertragen, nur um zu wissen, dass diese besondere Person einen weiteren Atemzug tun würde. Wie in Trance legte er die drei Schritte, die ihn vom Glas getrennt hatten, zurück und stellte sich seinem Partner gegenüber an die Glasscheibe, die Hände in einer Geste, die den Anderen spiegelte, gegen das Glas gelegt. Der Moment in dem die kühle Scheibe seine Fingerspitzen berührte war auch der Augenblick, in dem der Zauber dieses ersten Blickkontakts in sich zusammenfiel und die kalte, harte Realität über ihn herein schlug. Mit einem leisen Seufzen schloss er für einige Sekunden die Augen, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Es wäre keine gute Idee, den Tränen freien Lauf zu lassen, die sich hinter seinen Lidern sammelten. Das letzte Mal, als er einen Gefühlsausbruch zugelassen hatte, hatte er sich stundenlang heißer geschrien und dabei selbst die Betonwände zum Beben gebracht. Es war nur sein Glück gewesen, dass die Lautsprecher zu diesem Zeitpunkt nicht an gewesen waren – er wollte nicht, dass Jesse ihn so sah.
Als er sich wieder im Griff hatte, schlug er die Augen auf und schenkte ihm ein antwortendes, schmales Lächeln. Es mochte ein wenig zynisch daherkommen, aber es war das Echteste, zu dem er in ihrer Situation im Stande war und allein der Blick in seinen Augen zeigte nur zu deutlich, dass er sich durchaus freute, mit dem anderen reden zu können.
„Das kann ich nur zurückgeben… es ist so lange her…“ Für einen Augenblick hielt er inne und ließ seinen Blick über Jesses Silhouette und Gesichtszüge wandern. Zum einen, um sich den Anblick des Anderen in sein Gedächtnis zu brennen (als ob er ihn jemals vergessen könnte, aber hin und wieder minderte es die Sehnsucht ein wenig, sich den Anderen in seinem Geist vorzustellen, als ob es sie einander näher bringen würde) und zum anderen, weil ihm durchaus bewusst war, dass er nicht der Einzige von ihnen mit selbstzerstörerischen Tendenzen war. „Den Umständen entsprechend, aber vermutlich besser als dir. Wie lange verweigerst du nun schon Nahrung?“ Echte Sorge schwang in seiner Stimme mit. Ihnen mochte beiden klar sein, dass Jesse durch den Nahrungsentzug nicht sterben würde, aber es würde früher oder später andere Konsequenzen mit sich ziehen. Konsequenzen, von denen Jaden ganz sicher nicht wollte, dass sie den anderen befielen.
Aus einem Bauchgefühl heraus ließ er seine telekinetische Wahrnehmung über das Glas der anderen Zelle streifen, genau an der Stelle, an der Jesse seine Hände gegen die Scheibe gelegt hatte. Mehr als einmal war er bereits versucht gewesen, Jesse direkt zu berühren und ihm so vielleicht durch die Haare streichen zu können, aber bisher hatte er sich immer davon abhalten können. Er wusste nicht, ob dies als Berührung gelten würde und ob es bereits genug war, Jesses Unsterblichkeit zu annullieren. Ihm selbst mochte es ein annehmbares Opfer sein, seine eigene Unsterblichkeit zu verlieren, nur für eine einzige Berührung (wen er ehrlich war, würde er seinen Tod bereits für sehr viel weniger begrüßen), aber allein der Gedanke, die Schuld am Tod des Andren zu tragen, war so unerträglich, dass sie ihn erfolgreich vom Austesten ihrer Grenzen abhielt.

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Jesse Anderson

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:37 pm

Das Lächeln, welches Jaden ihm schenkte, tat mehr als nur gut und ließ ihn für einen Moment seine gesamten Schmerzen vergessen, sodass er es ehrlich und voller Gefühl erwidern konnte. Vor allem, als er Jadens Stimme erneut vernahm. Für den Bruchteil einer Sekunde schloss er die Augen und ließ diesen kleinen Augenblick einfach nur auf sich wirken, während er fast schon verträumt vor sich hin lächelte. In seiner Vorstellung war das Glas und das gesamte Gebäude verschwunden, denn dort lebten er und Jaden in Freiheit. Sie lebten wie alle anderen Menschen in einem Haus, hatten vielleicht einen Beruf oder wie auch immer sich das hier nannte. Sie würden sich sehen können, sich näher kommen können...aber sich dennoch niemals berühren. Und doch hatte Jesse das Gefühl, dass es anders wäre – mehr als nur anders. Sie würden anders leben, könnten sich mehr voneinander fern halten oder eben ganz anders mit der Situation umgehen, als es jetzt eben möglich war. So waren sie einfach eingesperrte Tiere, die keine andere Wahl hatten, als immer nur die gleichen Wände um sich herum zu sehen. Jeden Tag wurde ihnen vor Augen geführt, dass sie hier eingesperrt waren ohne auch nur die Möglichkeit zu haben, einen Weg hier heraus zu finden. Alles, was sie eben hatten, war ihr Gegenpart, ihr passende Gegenstück.
Diese Tatsache war sowohl ein Segen, als auch ein Fluch. Es war Balsam für die Seele, während einem gleichzeitig ein Messer ins Herz gerammt wurde.
Und dennoch würde Jesse niemals Jaden gegen etwas anders eintauschen, gar seine Freiheit verlangen, wenn der andere weiter eingesperrt sein sollte. Entweder sollten sie beide frei sein, oder nur Jaden, denn er selber könnte hier zurück bleiben.
Hauptsache, seinem passenden Puzzlestück ging es gut.
„Viel zu lange...“ Mit diesen Worten öffnete er die Augen, nur um direkt in die von Jaden zu blicken; zumindest so lange, bis eben jener seinen Blick auf Wanderschaft schickte. Jesse konnte nicht verhindern, leicht unter diesem musternden Blick zu schaudern. Wenn er es gekonnt hätte, hätte seine Hände sich leicht um das Glas geschlossen, doch da war nichts, wonach er hätte greifen können, sodass er keine andere Wahl hatte, als einfach so stehen zu bleiben, bis Jadens nächste Worte an seine Ohren drangen.
Ohne den Blickkontakt abzubrechen, antwortete er brav. Er konnte Jaden nicht anlügen, zum hatte der Andere ja gesehen, wie er aussah. Auch wenn es ihn selber überraschte, dass zwei Tage sich wohl schon so sehr bemerkbar machten, aber vielleicht lag es auch nur daran, dass Jadens wachsamen Blick einfach nichts entging. „Seit gestern...“, gab er leise zu und in seiner Stimme schwang sogar ein Hauch von Schuldgefühlen mit. Nicht, wegen seiner Tat an sich, sondern eher wegen der Sorge in Jadens Augen. Wie gerne wollte er die Hand nach dem Anderen ausstrecken und ihn einmal nur berühren. Jesses Wahrnehmung erkannte etwas nahe an seiner Scheibe, konnte aber so nichts sehen, sodass er ein wenig verwirrt blinzelte. Er konnte es nicht deuten, konnte nicht herausfinden, was das denn nun genau zu bedeuten hatte. Etwas verwirrt legte er den Kopf schräg, betrachtete seine Hände, dann wieder Jaden, ehe sein Blick wieder auf seine Hände rutschte. Irgendwo da kam dieses Gefühl her, aber was war es. Am liebsten hätte er Jaden gefragt, ob er etwas damit zu tun hatte, oder ob das nur seine Einbildung sei. Stattdessen schwieg er nur und warf seinem Seelenverwandten einen fragenden und gleichzeitig neugierigen Blick zu: 'Was hatte das zu bedeuten? Was ist das? Bist du das?' Und wenn Jaden es war, dann wollte etwas in Jesse, dass, was auch immer der Braunhaarige da anstellte, er weiter machte.
Immer weiter.
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Jaden Yuki

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:37 pm

Das Lächeln des Anderen hatte ihm für einen weiteren Augenblick die Illusion geschenkt, das Alles gut war. Jesse hatte in diesem Moment einfach so… vollkommen glücklich gewirkt, wie er so dastand, die Augen geschlossen und die Hände gegen die durchsichtige Wand seines Gefängnis gelegt, dass Jaden beinahe vergessen hatte, in was für einer Situation sie sich befanden. Vielleicht machte es die Rückkehr in die harte Realität noch so viel grausamer, aber gleichzeitig machten die Phantasien, die er in Jesses Gesichtszügen hatte ablesen können, selbst ihre jämmerliche Existenz noch irgendwie lebenswert. Es war ihnen immer noch möglich, sich dieses bessere Leben zu erträumen, sich vorzustellen, wie es unter anderen Bedingungen aussehen könnte – und reichte nicht alleine das aus, um die Hoffnung nicht daran zu verlieren, dass sie tatsächlich eines Tages erneut ein Leben außerhalb dieser Zellen kennen würden? Es mochte oft nicht so aussehen, aber Jaden hatte diese Hoffnung bisher niemals wirklich aufgeben können, selbst an seinen dunkelsten Tagen nicht. Andernfalls hätte er wohl sehr viel energischer nach einem Weg gesucht, seine eigene Unsterblichkeit zu umgehen, denn ohne wenigstens einen kleinen Funken Hoffnung hätte wohl nicht einmal Jesses Anwesenheit ihn dazu gebracht, am Leben festzuhalten.
Selbst über die Entfernung blieb Jaden das leichte Schaudern seines Partners nicht verborgen und er musste unwillkürlich lächeln. Es war seltsam, aber in Momenten wie diesen machte es ihm die Entfernung zwischen ihnen beinahe gar nichts aus, immerhin wusste er ja, dass sie nötig war, um sich und seinen Partner zu schützen. Und alleine zu wissen, welche Wirkung er auf den Anderen haben konnte, war beinahe berauschend. Wenn sie bloß nicht in diesen Tierkäfigen stecken würden…
Jesses Antwort entlockte ihm ein leises Seufzen und eine tiefe Traurigkeit machte sich in seinem Inneren breit. Jaden hatte die Schuldgefühle in der Stimme des Anderen gehört, aber ihm war auch bewusst, dass Jesse sich nicht dafür schuldig fühlte, das Essen verweigert zu haben. Viel eher war es vermutlich so, dass er nicht wollte, dass Jaden sich Sorgen um ihn machte.
„Oh Jesse…“ Ein erneutes Seufzen. „Du weißt doch, dass es nichts bringt. Du tust dir doch nur selbst weh. Bitte, ich… ich mag es nicht zu wissen, dass du noch mehr leidest als ohnehin schon. Wenn schon nicht für dich, dann tue es für mich… okay?“ Seine rechte Hand war von ihm selbst unbemerkt von der Glasscheibe gerutscht und krallte sich über seinem Herzen in den dünnen Stoff seines Shirts. Der Gedanke, Jesse könnte in irgendeiner Weise Qualen erleiden, versetzte ihm einen Stich ins Herz, aber so sah nun einmal ihr Alltag aus. Die Vorstellung, Jesse würde selbst noch zu diesen Qualen beitragen (auch wenn er nur zu gut verstehen konnte, wieso er es tat), brachte ihm seinen nächsten Gefühlsausbruch nur einen weiteren Schritt näher.
Als Jesse plötzlich verwirrt blinzelnd den Kopf schieflegte, hielt Jaden für einen Moment inne. Es schien fast, als habe der Andere etwas im Gang zwischen ihnen gesehen… oder vielleicht gefühlt… aber konnte das sein? Seine Augen verengten sich leicht und er ließ seine telekinetische Wahrnehmung durch die Glasscheibe in die Zelle seines Partners gleiten, immer tunlichst darauf bedacht, nicht direkt mit Jesse in Berührung zu kommen. Schweiß brach auf seiner Stirn aus, als er sich angestrengt konzentrierte und sich daran zu erinnern versuchte, was er vor so vielen Jahrhunderten über seine Fähigkeit gelernt hatte – er mochte nur sechzehn Jahre seines Lebens außerhalb dieser Zelle verbracht haben, aber damals war es so instinktiv wie Atmen gewesen, seine Gabe für alle möglichen Dinge zu benutzen. So viel davon war der langen Zeit in Gefangenschaft zum Opfer gefallen, aber Jaden war entschlossen – diese eine Sache würde er schaffen!
Vorsichtig, ganz vorsichtig; Millimeter für Millimeter bewegte er seine telekinetische Wahrnehmung näher an Jesse heran. Als er endlich nahe genug war, holte er einmal tief Luft – und blies leicht gegen die Glasscheibe. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da hatte er diese „physische Manifestation“ dessen, was er mit seinem telekinetischen Sinn tun wollte, nicht gebraucht und sie einfach direkt mit diesem sechsten Sinn kreiert, aber diese Zeiten waren lange vorbei. Und selbst diese einfache Wahrnehmung über sein telekinetisches Netz zu schicken, kostete ihn einiges an Kraft, aber er konnte mit Zufriedenheit sagen, dass er es tatsächlich geschafft hatte. Ein zufriedenes Grinsen machte sich auf seinen Lippen breit und mit einem triumphierenden Leuchten in den Augen wendete er seine volle Aufmerksamkeit wieder seinen anderen Sinnen und Jesse zu, das leichte Zittern seiner Glieder ignorierend.

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Jesse Anderson

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:38 pm

I wanna love you but I better not touch
I wanna hold you but my senses tell me to stop
I wanna kiss you but I want it too much
I wanna taste you but your lips are venomous poison
You're poison running through my veins
You're poison

Die Schuldgefühle in Jesse wurden immer größer, als er nicht nur Jadens Seufzen hörte und gar seine Worte vernahm, sondern auch als er sah, wie der Andere sich mit einer Hand an seine Brust griff – genau an die Stelle, wo sich sein Herz befand. Mehr musste der Braunhaarige nicht tun um Jesse zum Einknicken zu kriegen. Er würd alles, wirklich alles tun, um Jaden zu schützen; vor allem, wenn er selber daran schuldig war, wollte er alles was in seiner Macht stand in die Wege leiten, um seinen Seelenverwandten zu schützen. In diesem Falle war es aber einfach nur so, dass er nicht wollte, dass Jaden sich Sorgen um ihn machte. Er selber wollte ja nicht sterben – davon abgesehen, dass er das im Grunde ja gar nicht konnte, aber dies war eine ganz andere Geschichte -, sondern einfach nur sich ein wenig gegen die Organisation auflehnen, in einem Rahme, wo er hoffte, dass man wenn ihn bestrafen würde und nicht Jaden. Sobald er Gefahr laufen würde, dass Jaden für diese Rebellion bestraft werden würde, würde er sofort wieder brav essen und auch Flüssigkeit zu sich nehmen. Solange sie Jaden aber raus ließen, hatte er sich allerdings geschworen, so weiter zu machen – bis jetzt zumindest. Den Anblick aber wie gesagt, den sein Partner ihm gerade bot, stimmte ihn wieder um. Er würde die nächste Mahlzeit, die man ihm gab, zu sich nehmen – für Jaden. Alles, was sie ihm gaben, würde er irgendwie runter würgen und zu sich nehmen – für Jaden. Nicht für sich, denn dann hätte er schweigend einfach nur weiter rebelliert. Nein, er würde es einzig und alleine für seinen Partner tun, der so weit von ihm entfernt war, da immer noch dieser blöde Flur und diese Glasscheiben zwischen ihnen lagen. Oh, wie gerne er diese Distanz doch überwinden würde und wenn es nur dazu wäre, dass er sich nun mit Jaden zusammen eine Zelle teilen würde. Es ging nicht einmal darum, ihn direkt zu berühren, sondern einfach nur, ihm so nahe zu sein, wie es ihnen eben möglich war.
Doch es war nur ein weiteres Wunschdenken von seiner Seite aus.
Ein leises Seufzen entwich ihm, ehe er ein wenig lächelte. „Na gut...“, lenkte er ein, während sein Blick den von Jaden festhielt. „Für dich.“ Diese beiden Worte kamen ihm sanft über die Lippen, während eben jene sich zu einem breiteren Lächeln verzogen. Ja, alleine für Jaden würde er es tun, für Niemanden sonst. Nicht, dass sich diese blöde Organisation darauf einbildete.
Dann nahm er etwas wahr, was seine ganze Aufmerksamkeit kostete. Was war das gewesen? Er konnte sehen, von hier aus, wie Jaden die Augen zusammen kniff und leiche Schweißperlen seine Stirn bedeckten. Sofort machte sich Sorge in ihm breit. Was hatte das zu bedeuten? Was war los? Noch ehe er aber fragen konnte, veränderte sich das, was er wahrgenommen hatte. Nun war es nicht mehr außerhalb seiner Zelle, nicht mehr auf dem Gang – sondern bei ihm! Jetzt bestand kein Zweifel mehr, es war Jaden, der da gerade hantierte und einige Grenzen überschritt, die sie beide so auch nicht hätten überschreiten dürfen. Dennoch hielt Jesse still, wollte ganz gewiss sie beide nicht verraten. Lieber wartete er ab, was nun kommen würde.
Und wäre fast verräterrisch zusammen gezuckt, als er den Hauch spürte.
Jadens Atem!
Er hatte gesehen, wie der Andere gegen das Glas gehaucht hatte...tja, dann hatte dieser leichte Atem seine Haut berührt, ihn leicht gestreift. Kleine Härchen stellten sich dort auf, weil es irgendwo schon eine Reaktion bei ihm auslöste. Unbewusst entwich seinem Mund ein leises Keuchen; nicht erregt, aber genießend. Denn es hatte sich mehr als nur gut angefühlt, machte Lust auf mehr. „Jaden...“, brachte er nur schwach hervor, während er wieder die Augen schloss. Nur gerade so konnte er ein 'mehr' herunter schlucken, denn damit hätte er sie beide wie auf einem Silbertablett der Organisation präsentiert. So aber konnte nur Jaden sehen, wie sehr ihm das gefallen hatte. Vor allem war ihm gerade egal, ob er selber dann sterben würde oder nicht – er wollte ganz und gar von Jaden berührt werden und dessen Unsterblichkeit so gut es geht schützen.
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Jaden Yuki

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:39 pm

Jaden konnte den Moment beinahe sehen, in dem Jesse einknickte und seiner Bitte zustimmte, seinen Hungerstreik zu beenden. Die Schuldgefühle des Anderen waren so deutlich von seinem Gesicht abzulesen, sie waren beinahe wie eine körperliche Anwesenheit im Raum. Vermutlich war es falsch oder zumindest hinterhältig, Jesses Schwachstelle (Jaden selbst) gegen ihn auszuspielen. Es war emotionale Manipulation, dessen war er sich bewusst gewesen, als er die Worte ausgesprochen hatte, und er wusste nur selbst allzu gut, welche Wirkung das Gesagte auf seinen Partner haben würde. Schließlich wäre es ihm selbst nicht anders gegangen, wären ihre Rollen vertauscht gewesen – auch Jaden würde alles tun, um das Jesse ihn bat, wirklich alles tun, um Jesse das Leben in diesem Gefängnis nur ein wenig einfacher zu machen. Trotzdem fühlte sich Jaden nicht schlecht dabei und war sogar beinahe froh, als er sah, welche Wirkung seine eher unbewusste Geste des Sich-an-die-Brust-greifen auf Jesse hatte. Es war ein Zeichen, dass Jesse sich tatsächlich an sein Versprechen halten würde und seinen Protest über ihre Lebensumstände nicht weiterhin auf Kosten seines eigenen Wohlbefindens führen würde.
Deshalb schlich sich auch ein leichtes Lächeln auf seine Lippen, als er die leisen, weichen Worte des Anderen hörte. Ein antwortendes Seufzen – im Gegensatz zu seinem Partner jedoch eines der Erleichterung – entwich ihm und er lehnte seine Stirn gegen das kühle Glas, den Blick weiter fest auf die smaragdenen Seelenspiegel des Anderen gerichtet, ein dankbares Leuchten in den Augen.
„Vielen Dank“, hauchte er leise, intim, als bestünde die Entfernung und die unüberwindbare Trennmauer des Panzerglases nicht und für einen Moment verlor er sich in dem Tagtraum, seine Stirn in der Halsbeuge des Anderen vergraben zu können und seinen Körpergeruch tief in sich aufzusaugen, ihm zu einem Teil seiner selbst zu machen. „Um mehr kann ich dich nicht bitten.“
Jesses Reaktion auf den Atem auf seiner Haut jagte auch Jaden einen Schauer über den Rücken. Das leise Keuchen, das der eisernen Kontrolle des Anderen entwich, klang wie Musik in seinen Ohren und etwas in seinem Inneren zitterte erregt, als habe der Laut eine Seite in ihm zum Schwingen gebracht, von der Jaden nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte. Jesses Anblick, wie er vor dieser Scheibe stand, die Augen geschlossen und diese winzige Verbindung zwischen ihnen so offensichtlich genießend, löste etwas in ihm aus, für das er keinen Namen hatte. Beinahe wünschte er sich, sein Partner hätte die Worte frei gelassen, die er so offensichtlich zurückhielt, egal ob die Organisation so erwischte oder nicht. Aber auch nur beinahe. Denn dieser Moment gehörte nur ihnen und wissen, was diese Leute sich für sie ausdachten, wenn sie bemerkten wie er hier herumexperimentierte, wollte er auch nicht. Nicht, dass er wirklich die Kraft gehabt hätte, das Ganze zu wiederholen – dieser kleine Lufthauch hatte ihn all seine Kraft gekostet, die er aufbringen konnte und ein wenig kraftlos sackte er gegen die Glasscheibe, um aufrecht zu bleiben. Trotzdem zog er sich nicht aus Jesses Zelle zurück – ja, vermutlich hätte er es in diesem Moment nicht einmal gekonnt. Das Ganze stellte sich wie der Biss in den verbotenen Apfel heraus – jetzt, wo er einmal gekostet hatte, würde er sich nicht davon abhalten können, einen weiteren Bissen zu nehmen. Also beschloss er, seinem eigenen Wunsch und dem stillen Verlangen nach Mehr auf Jesses Gesichtszügen nachzukommen. Wirklich anstrengend war das, was vorhatte, auch nicht. Es war praktisch das telekinetische Äquivalent eines unbewussten Fingerzuckens, als er seinen sechsten Sinn einige Millimeter über Jesses Haut hinweg gleiten ließ, die Konturen seines Gesichts nachfuhr und ihm spielerisch durch die Haare fuhr. Vermutlich war das Vorhaben mehr als nur ein wenig gefährlich, immerhin setzte er dabei mit großer Wahrscheinlichkeit ihrer beider Unsterblichkeit aufs Spiel, aber um die Wahrheit zu sagen, interessierte ihn diese Möglichkeit in diesem Augenblick herzlich wenig. Sein eigenes Überleben war schon lange nicht mehr die oberste Direktive, die es hätte sein sollen, viel mehr war es immer Jesses gewesen, aber sein Partner sah nicht so aus, als würde er Jadens leichte Annäherungsversuche in irgendeiner Weise bereuen.

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Jesse Anderson

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:40 pm

Jesse konnte nicht sehen, wie Jaden sich erschöpft gegen das Glas lehnte. Noch immer hielt er die Augen geschlossen um diesen einen intimen Moment, wo er Jadens Atem auf seiner Haut spüren konnte, noch für einen kleinen Augenblick fest zu halten, ehe er ganz verblassen würde. Ihm war bewusst, dass es gewiss für seinen Partner nicht einfach gewesen war und auch, dass alleine dies nichts war, was die Oranisation würde dulden. Aber im Moment war das Jesse mehr als nur relativ egal. All die Jahre über , gar Jahrhunderte, hatte er sich vorgestellt, wie es wäre, Jaden wenigstens ein wenig nahe zu sein. Zwar standen sie sich immer noch nicht gegenüber, doch war es schon der Ansatz einer Berürhung gewesen; irgendwo. Jesse glaubte jedoch nicht groß daran, dass dies seine Unsterblichkeit annullieren würde. Jaden hatte ihn in diesem Sinne ja nicht richtig berührt und wenn er das alles richtig verstanden hatte, müssten sie körperlich einander näher sein, nicht...so, also durch die telekinetischen Fähigkeiten seines Partners. Nein, sie müssten Haut an Haut sich berühren, dann würde es wohl so sein, dass es sie beide sterblich machen würde. Im Grunde wäre auch dies Jesse mehr als nur egal, wenn er seine eigene Unsterblichkeit aufgab, nur Jaden sollte eben nicht darunter leiden. Da sie sich aber wohl eh nie mehr als so näher kommen könnten, da die Kammern immer zu waren und der Gang auch noch zwischen ihnen lag, war dieses Experiment von Jaden mit seinem Atem mehr als alles, was er sich in den letzten Jahren erträumt hatte. Ja, ein beinahn glückliches Lächeln umspielte seine Lippen, immerhin war er dem Braunhaarigen wirklich dankbar dafür. Gleichzeitig versuchte er diese Sehnsucht nach mehr in seinem Inneren zu ersticken und es nicht zu sehr nach außen dringen zu lassen.
Doch sein Partner hatte es wohl dennoch verstanden.
Wieder keuchte Jesse mehr als nur erstaunt auf, als er eine neue Berührung wahr nahm. Ihm war nicht entgangen, dass Jadens Präsenz über seine Fähigkeiten immer noch in seiner eigenen Zelle war. Doch hätte er nie damit gerechnet, einen leichten Hauch auf seiner Wange zu spüren; direkt die Konturen seines Gesichtes entlang. Dann war da auch noch dieser Hauch an seinen Haaren. Jesses Atem beschleunigte sich vor Aufregung und Nervösität; Neugier und Angst. Was tat Jaden da? Was hatte das alles zu bedeuten? Ach egal, es fühlte sich gerade mehr als nur gut an. Unbewusst hatte er selber den Kopf etwas zur Seite geneigt, um sich gegen die 'Berührung' zu schmiegen. Auch wenn es ja in diesem Sinne keine war, aber es ging eben doch um das Prinzip.
„Jay...“
Mehr konnte Jesse allerdings nicht sagen.
Selbst, wenn er es gewollt hätte – es ging nicht.
Allgemein hätte er sich wundern sollen, dass die Organisation ihnen so viel Zeit zum reden ließ. Meistens wurde die Verbindung viel früher gekappt, meistens auch ohne, dass sie gewarnt werden würden. Sie stellten es nach Lust und Laune ein und aus. Doch es war eben relativ lange schon, dass die Lautsprecher an waren. Doch Jesse war zu sehr auf Jadens Berührungen konzentriert gewesen, dass er nicht ganz mitbekommen hatte, wie etwas anders war als sonst.
»Wir haben sie!«
Der Ruf riss Jesse aus seinen Gedanken, denn in diesem Moment schwankte seine ganze Tür auf. Dieses Mal stand allerdings kein Mann der Organisation vor ihm, sondern ein schwarzhaariger junger Mann, der ihn triumphierend angrinste. »Keine Sorge, ich gehöre nicht zu diesen Volldeppen. Mein Name ist Chazz Princton. Du verstehst mich doch, oder? - Gut, meine Kollegen und ich sind hier, um euch zu befreien... Komm mit..« Jesse konnte erst nur nicken, ehe er dann am Arm gepackt und mitgeschleppt wurde. Ihm blieb keine Zeit zu realisieren, wo es hin ging oder gar sich nach Jaden umzusehen, da dieser Chazz ihn hinter sich her durch die Gänge des Gebäudes zog.
JAY, nein, er wollte ihn nicht hier lassen, sodass er sich gegen Chazz versuchte zu wehren, allerdings durch die letzten Tage ohne Essen zu schwach, sodass Chazz ihn festhalten konnte. »Keine Sorge, dein Partner kommt mit. Du wirst ihn wiedersehen...wenn auch erst am Hauptquartier.«
Jesse war zu schwach um zu widersprechen, sodass er sich nach draußen bringen ließ – es war gerade Nachts, sodass ihn nichts blendete; auch wenn es schon anders als in der Zelle war! - und in ein komisches Ding gesperrt wurde – ihm war nicht bewusst, dass man dies Auto nannte -, ehe Chazz vorne einstieg, wohl noch etwas zu warten schien und dann los fuhr.

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Jaden Yuki

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:41 pm

Jaden erschauerte leicht, als Jesse den Kopf zur Seite neigte, um sich in die Berührung zu lehnen. Er wusste nicht, wie der Andere die Berührung seines telekinetischen Sinnes wahrnahm, aber für ihn selbst war es in dem Moment, in dem er tatsächlichen Kontakt mit Jesses Haut machte, als habe man ihn in angenehm warmes Wasser getaucht.
»Wir haben sie!«
Die Stimme kam aus einer Richtung, die er nicht erwartet hatte und sie war ihm auch vollkommen unbekannt. Jaden war nicht leichtgläubig genug zu glauben, alle Angestellten der Organisation zu kennen, aber er hatte noch nie eine Frau unter ihnen gesehen und die Stimme war eindeutig weiblich – und, wenn er das richtig einschätzen konnte, noch ziemlich jung dazu! Die Tür in Jesses Zelle wurde mit Schwung aufgerissen und ein schwarzhaariger junger Mann in einem langen Mantel kam in den Raum gestürzt. Jaden war für einige Momente wie erstarrt und absolut überfordert mit der Situation, weshalb er das Gespräch der beiden nicht mitverfolgen konnte. Erst als der Unbekannte Jesse am Arm packte und hinter sich her aus der Tür zog, kam wieder etwas Leben in ihn. Mit einiger Kraftanstrengung stieß er sich von der Glasscheibe ab und folgte den beiden Flüchtigen (denn dass der Mann Jesse gerade aus der Zelle ausbrach, konnte er mehr als nur deutlich an dessen Körperhaltung ablesen – alleine die ständigen, verstohlenen Blicke in alle Richtungen waren ein sehr deutliches Indiz dafür, dass der Schwarzhaarige sich an einem Ort aufhielt, an dem er eigentlich nichts zu suchen hatte) mit verengtem Blick. Sein Partner sah ein wenig so aus, als versuche er ernsthaft, sich gegen den Zug an seinem Arm zu wehren – was Jaden einerseits dazu verleiten wollte, den Unbekannten anzufeuern (mach schneller, bring ihn hier raus, bevor die Organisation dich aufhält), zum Anderen machte sich der Schwarzhaarige ihm gerade äußerst unsympathisch (Jaden mochte es nicht, wenn man Jesse gegen seinen Willen zu etwas zwang, das erinnerte ihn zu sehr an die letzten… oh, bloß tausend Jahre seines Lebens). Dass er selbst noch immer in seiner Zelle feststeckte, daran dachte er in diesem Augenblick gar nicht – er war nur so unendlich erleichtert, dass Jesse aus diesem menschenunwürdigen Gefängnis entkommen war. Was das für seine eigene Zukunft bedeutete, darüber machte er sich absolut gar keine Gedanken, denn das war mehr als nur zweitrangig.
»Hey, Kleiner! Willst du auch hier raus oder schlägst du lieber weiter dort drüben Wurzeln?«
Jaden fuhr auf dem Absatz herum. Auch seine eigene Zelle war von einem Fremden betreten worden, der ebenfalls nicht sehr viel älter sein konnte als der Befreier seines Partners. Im Gegensatz zu dem Schwarzhaarigen hatte er es aber offenbar nicht für nötig gehalten, näher auf Jaden zuzukommen, weshalb Jaden seine Anwesenheit auch gar nicht bemerkt hatte – viel zu sehr war er mit dem Geschehen in der anderen Zelle beschäftigt gewesen. Jetzt, wo er sich des Anderen bewusst war, spürte er auch seine Anwesenheit in seinem telekinetischen Sinn – es war ein bisschen wie ein lautes, anhaltendes Klingeln an Leben und Energie; eine Lebensflamme, die im Gegensatz zu Jesses und seiner eigenen nur kurz, aber dafür umso heftiger und heller leuchtete. So nahe war Jaden seit unendlich langer Zeit einem anderen Lebewesen nicht mehr gewesen, ohne die beengenden, aber auch irgendwie schützenden Mauern seiner Zelle dazwischen und es bereitete ihm Kopfschmerzen. Trotzdem tat er einen stolpernden Schritt auf den braunhaarigen Mann zu, der in seltsame Klamotten komplett in Schwarz gekleidet war, als dieser ihm unwirsch zuwinkte. Und noch einen Schritt, und einen weiteren, bis er schließlich an ihm vorbei durch die Tür hinaus in die Freiheit getreten war. Freiheit mochte vorerst nur ein enger, schlecht beleuchteter Gang sein, aber es war mehr, als er in den letzten Jahrhunderten zu Gesicht bekommen hatte. In der Ferne konnte er plötzlich das geschäftige Treiben von weiteren Menschen spüren, als sich seine Sinne mit einem Schlag in alle Richtungen ausdehnten und seine Umgebung nach Informationen abzutasten begannen. Jaden stockte der Atem und er schwankte leicht, als sich plötzlich alles um ihn herum zu drehen begann.
»Woah, Kleiner, immer langsam! Du siehst gerade alles anderes als gut aus, schlimmer noch als eben in der Zelle! Ein Schritt nach dem anderen, ja? Wir haben zwar nicht alle Zeit der Welt, aber wir können es langsam angehen lassen. Mein Name ist übrigens Atticus, Atticus Rhodes. Glaubst du, du schaffst den Weg nach draußen oder soll ich dich tragen?« Das etwas nervös klingende Geplapper verfehlte seine Wirkung nicht – nachdem er ein paar Male tief ein und aus geatmet hatte, fühlte Jaden sich wieder in der Lage, halbwegs aufrecht zu stehen und öffnete vorsichtig seine Augen wieder, die er zuvor krampfhaft geschlossen gehalten hatte, um seinen Mageninhalt nicht zu verlieren. Atticus blinzelte besorgt zu ihm hinunter.
„Geht… schon“, presste er mühsam hervor, als sein Befreier ihn jedoch nur weiter verständnislos ansah, schüttelte er nur den Kopf und bedeutete ihm mit einer Handbewegung, ihm den Weg hinaus zu zeigen. Für einen Versuch, den Satz noch einmal in einer anderen Sprache zu wiederholen (auch wenn er diese Sprache durchaus verstand), fühlte er sich nicht bereit. Atticus kam der stummen Bitte nach, drehte sich jedoch immer wieder beunruhigt zu ihm um. Jaden konnte es ihm nicht verübeln – er war mehr als einmal gegen die gegenüberliegenden Wände des Ganges geprallt, obwohl er hätte schwören können, dass er schnurgerade geradeaus gelaufen war.
Am Ende des Ganges lugte ein Mädchen mit dunkelblondem Haar durch eine weitere Tür und atmete erleichtert auf, als sie sie kommen sah. »Atticus, da bist du ja! Chazz ist schon seit ein paar Minuten weg, ich dachte schon, ihr wäret auf Schwierigkeiten gestoßen und ich müsste euch holen kommen!« Sie hielt ihnen die Tür auf. Von draußen kam ihnen ein leichter Windstoß entgegen und Jaden sog gierig den frischen Wind tief in seine Lungen. Für einen Moment schien es so, als lege die bessere Luft das leichte Schwindelgefühl. Als er jedoch durch diese zweite Tür trat, wurde er eines besseren belehrt – offenbar hatten die dicken Mauern des Gebäudes, in dem sie all die Jahre festgehalten worden waren, seine Sinne noch immer etwas abgeschwächt. Denn kaum war er an dem Mädchen vorbei, brach das Bewusstsein der Welt über ihn herein. Mit einem Schrei ging Jaden zu Boden, die Hände auf seine Schläfen gepresst und die Augen fest zusammengekniffen. Sein Kopf war mit einem Mal so voll, so laut, so bunt, dass sein Verstand mit dem Verarbeiten dieser Informationen nicht mehr hinterher kam. Die Eindrücke seiner anderen Sinne überlagerten und vermischten sich und er musste mit aller Macht den Würgreflex unterdrücken, als er das besorgte Murmeln des Mädchens und Atticus‘ hektisches Rufen auf seiner Zunge schmeckte. Eine weitere Anwesenheit drängte sich in seinem telekinetischen Sinn nach vorne und plötzlich waren da zwei starke Arme unter ihm, die ihn in die Luft hoben und davon trugen. Jaden hätte nur zu gerne gewusst, wohin, aber bevor er überhaupt versuchen konnte zu erahnen, wer ihn da so scheinbar mühelos durch die Gegend wuchtete, hatte die wartende Schwärze am Rande seiner Sinne ihn schon übermannt und er war in die Ohnmacht davon geglitten.

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Jesse Anderson

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:42 pm

Wo ist Jaden? Immer und immer wieder hatte Jesse über seine Schulter nach hinten gesehen, aber außer dem dunkelblonden Mädchen, welches sich immer mehr von ihnen entfernte, konnte er nichts sehen. Und natürlich dieses andere komische Gefährt, was da noch stand. Und was er immer noch nicht deuten konnte. Dennoch war da keine Spur von Jaden und dies beunruhigte den türkishaarigen jungen Mann. Hatte Chazz nicht gesagt, sie alle wären hier, um sie beide zu befreien? Bis jetzt war doch nur er draußen – nicht Jaden.
Umso mehr sie sich entfernten und einen komischen grauen Weg entlang fuhren – Chazz nannte es Straße – verlor Jesse sich in seinen eigenen Gedanken. Sein Blick huschte durch die Gegend, versuchte sich eher auf all diese Eindrücke zu konzentrieren, die neben der Sorge um Jaden in seinem Unterbewusstsein pulsierten. Es war wie ein leises Flüstern in seinem Inneren; kaum zu hören, kaum zu vernehmen und doch so intensiv, dass er es nicht voll und ganz aus seiner Wahrnehmung streichen konnte. Es war irgendwo vertraut, aber dennoch mehr als nur fremd. Etwas in ihm wollte sagen, dass es mit seinen eigenen Fähigkeiten zu tun hatte, doch hatte Jesse in all den Jahrtausenden vergessen, was seine eigene spezielle Fähigkeit anging. Es musste etwas sein, was die Organisation versperrt hatte, etwas, was in seiner Zelle nicht funktioniert hatte. Im Grunde war es Jesse mehr als nur egal, was seine Fähigkeit denn nun war. Es war ihm im Grunde auch mehr als nur egal, wo diese Reise hingehen würde.
Alles, was er wollte, war zu wissen, wo Jaden nun ist und ob es ihm gut geht.
»Wir sind gleich da...« Chazz' Stimme riss den Türkishaarigen aus seinen Gedanken. Die ganze Fahrt über hatten sie beide einander angeschwiegen, was Jesse nicht einmal gestört hatte. So hing er seinen Gedanken nach und hatte auch nicht mitbekommen, wie Chazz selber immer wieder mehr als nur nervös nach hinten gesehen hatte. Wenn Jesse es bemerkt hätte, wäre sein eigenes Unwohlsein wohl mehr als nur gestiegen, denn dann wäre ihm klar, dass etwas so ganz und gar nicht stimmen konnte. So allerdings sah er Chazz nur verwirrt an, der sich wieder gefasst hatte und seinen 'Schützling' für den Moment mit einem aufbauenden Blick betrachtete. »Na komm, ich zeige dir deine neue Unterkunft...« Jesse konnte nur nicken, ehe er versuchte Chazz' Bewegungen nach zu ahmen und somit irgendwie aus diesem Gefährt auszusteigen. Sie hatten eine kleine Lichtung erreicht, auf der ein recht großes Haus stand, zumindest deutete Jesse es als eine Art Haus. Es war anders als die Häuser, die es zu der Zeit gegeben hatte, als er noch frei jewesen war damals, aber immerhin konnte er das erkennen; so mehr oder minder zumindest.
Chazz schien seine Verwirrung nicht zu bemerken, oder er wollte darauf nicht direkt eingehen, denn ohne Jesse direkt anzusehen, ging er auf dieses Haus zu. Und Jesse? Dem blieb nichts anderes übrig, als ihm hinterer zu gehen. So betraten sie beide zusammen einen in cremfarben gehaltenen Flur, welcher mit neutralen Bildern und Möbeln dekoriert wurde. Eine Treppe, so etwas kannte Jesse auch, ging in ein anderes – wie nannte sich das? - Stockwert. Ihn interessierte es aber weniger, sein eigener Blick war gen Boden gerichtet. Er sah auch nicht auf, als er eine neue Stimme vernahm.
»Chazz, da sied ihr ja – warte, wo sind die anderen mit dem zweiten?«
»Die kommen gleich, Hassleberry. Ist alles soweit fertig!«
Jesse konnte spüren, wie seine Hand genommen wurde und diese krätfig geschüttelt wurde. »Hallo, du! Mein Name ist Tyranno Hassleberry, aber alle nennen mich Hassleberry. Ich habe dir und deinem Partner ein Zimmer bereit gestellt, wo ihr zusammen leben könnt. Ich meine, ihr wohnt hier ja jetzt und-«
»-Hassleberry! Es reicht! Ihn interessiert das nicht?«
»Was macht dich da so sicher, Chazz?«
»Schau ihn dir an...«
Noch immer seinen Blick gesenkt, konnte der Türkishaarige die Blicke auf sich spüren, die auf ihm ruhten. Chazz hatte nicht ganz unrecht, es interessierte Jesse wirklich nicht. Davon abgesehen, hatte er auch nur einen einzigen Gedanken: Wo war Jaden? In seinem Inneren wirbelten die verschiedensten Gefühle auf. Was, wenn er wieder in Gefangeschaft war? Sie alle ihn hier auf den Arm nahmen? Was, wenn er Jaden nie wieder sehen würde?
Draußen braute sich langsam etwas zusammen, obwohl vor ein paar Sekunden noch eine mehr oder weniger Sternenklare Nacht geherrscht hatte. Da Jesse noch als einziger halb auf der Türschwelle stand und somit auch mehr oder weniger ungeschützt, war er der Einzige, der den Regen abbekam, der erst in leichten Tropfen vom Himmel fiel, ehe es dann in einen starken Regenschauer überging. Langsam hob er den Kopf, seine smaragdgrünen Augen schimmerten leicht.
„Wo ist Jaden?“

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Jaden Yuki

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:42 pm

Lautes Fluchen weckte Jaden aus der allumfangenden Schwärze, die sein Bewusstsein gefangen gehalten hatte. Es war ein denkbar schlechter Tausch, wenn man ihn fragte – Jaden wäre gerne noch ein wenig länger ohnmächtig geblieben, immerhin wäre er sich dann auch der verdammten Schmerzen nicht bewusst gewesen! Dafür hätte er auch in Kauf genommen, weiter nicht zu wissen, wo er denn nun eigentlich war und was hier gerade passierte. Sein Kopf platzte gerade aus allen Nähten und seine Sinne spielten verrückt – er zitterte am ganzen Körper und hatte gleichzeitig das Gefühl innerlich zu verbrennen. Sein Körper schien mit allen möglichen Mitteln gegen die Reizüberflutung anzukämpfen und sich dabei nur langsam selbst zu schwächen. Wimmernd rollte er sich zu einer möglichst kleinen Kugel zusammen, den Kopf zwischen die angewinkelten Arme gezogen, die ihrerseits hinter seinen angezogenen Beinen Schutz suchten. Dabei rollte er auch vom Schoß desjenigen, der bisher seinen Kopf still gehalten hatte, eine Tatsache, für die er nun im Nachhinein durchaus dankbar war – andernfalls hätte er sich wohl bereits übergeben müssen, denn das fahrende Gefährt, in dem sie sich befanden, half seinem sowieso schon angeschlagenen Gleichgewichtssinn nicht gerade weiter.
»Wie weit ist es noch, Zane? Ich glaube, es wird immer schlimmer – außerdem scheint er wieder bei Bewusstsein zu sein, das heißt, er muss die Schmerzen vollständig ertragen! Wir müssen ihn zu seinem Partner bringen, sonst endet das Ganze in einem Desaster!« Die Stimme des Mädchens drang wie durch ein Rauschen an seine Ohren, aber sie klang gleichzeitig auch sehr nahe – offenbar war es ich Schoß, auf dem sein Kopf gelegen hatte. Als er die Augen einen winzigen Spalt breit öffnete, blickte er in die großen, grauen Augen eines kleinen Jungen mit elektrisch-blauen Haaren, der ihn besorgt ansah und vorsichtig eine Hand ausstreckte, um sie auf Jadens knie abzulegen. Jaden zuckte zusammen – es war mehr als tausend Jahre her, dass er das letzte Mal von jemandem berührt wurde, der ihm kein Leid zufügen wollte. Selbst der sanfte Druck, der wohl beruhigend wirken sollte, wirkte wie eine sich langsam zuziehende Henkersschlaufe auf ihn.
»Das ist mir bewusst, Alexis, aber dieser verdammte Regen macht die Straßenkonditionen nicht gerade besser, und sehen kann ich jetzt erst recht nichts mehr! Verdammte scheiße, warum musste es auch ausgerechnet jetzt anfangen zu stürmen? Wir sind doch nur noch wenige Minuten vom Haus entfernt!«
»Ein wenig seltsam ist es schon, nicht wahr? Für heute Nacht war nicht einmal ein leichter Nieselregen angekündigt.« Die Stimme kam diesmal von dem kleinen Jungen, aber irgendetwas stimmte da nicht. Die Lippenbewegungen geschahen nicht synchron zu den Worten – viel mehr erklang die eigentliche Stimme einige Momente, bevor die Lippen anfingen, sich um die Worte zu formen. Mit einem verwirrten Laut schüttelte Jaden den Kopf – eine Tat, die er sofort wieder bereute, als sich Galle die Speiseröhre hinauf kämpfte und er sich dazu zwingen musste, sie gleich wieder hinunter zu schlucken.
»So seltsam ist das nicht – schaut mal, wo die Wolken sich alle sammeln« Jaden erkannte die Stimme seines Befreiers, dem jungen Mann namens Atticus. Jaden wusste, dass es wohl keine gute Idee war, den Kopf zu heben und nachzusehen, wovon die vier redeten, nicht, dass er sowieso viel mit der Information hätte anfangen können, die ihm seine Augen lieferten. Immerhin hatte er seine Zelle seit über tausend Jahren nicht verlassen, da würde sich die Welt wohl um einiges verändert haben und er würde sowieso nichts wiedererkennen. Glücklicherweise bedachte das Mädchen seine Neugierde, die er trotzdem nicht vollständig unterdrücken konnte, mit einer befriedigenden Antwort, auch wenn das wohl vermutlich nicht ihre Absicht gewesen war: »Ach du Schande, das ist doch die Lichtung, auf der das Haus steht! Du glaubst doch nicht etwa, dass der Andere daran schuld ist, oder?«
Jaden erstarrte. Das… war das der Ernst dieser Leute? Wenn ja… Jaden hatte Jesse nie danach gefragt, welche Fähigkeiten er beherrschte, hatte aber auch nie einen Hehl aus seiner eigenen Telekinese gemacht. Er war eben in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass Menschen mit seiner speziellen Fähigkeit weitaus offener damit umgingen und sie auch häufiger verwendeten als die meisten anderen. Andere, wie zum Beispiel die Seher, waren weitaus verschlossener und sprachen auch nicht gerne darüber. Jaden akzeptierte dies als Tatsache und hätte sich nie gewagt, jemand anderem vorschreiben zu wollen, wie sie ihr Leben lebten oder mit ihrer Fähigkeit umgingen. Aber das… das war selbst unter ihnen eine Fähigkeit gewesen, von denen man spätnachts am Lagerfeuer erzählte. Die Gabe der Helden in den Legenden, die Urmächte zu bändigen und sie nach dem eigenen Willen zu beugen. Konnte… konnte sein Partner das etwa auch? Jaden erinnerte sich dunkel daran, dass damals das Wort herumgegangen war, dass ein Junge mit dieser Fähigkeit in seinem Jahrgang geboren worden war, aber die meisten hatten es für ein Ammenmärchen gehalten. Sollte dieser Junge etwa Jesse, sein Partner sein? Wenn ja…
„Oh, scheiße…“, fluchte er und versuchte, so schnell es ihm eben möglich war, alle Viere unter sich zu bekommen und sich irgendwie aufzusetzen, ohne die Gefahr zu laufen, gleich wieder in ein wimmerndes Häufchen Elend zusammenzubrechen. Das Mädchen und der kleine Junge, die sich die Sitzbank mit ihm teilten, rückten schleunigst ein wenig auseinander, um ihm mehr Platz zu machen, auch wenn die Blonde beschwichtigend die Hände gehoben hatte.
»Woah, immer langsam mit den jungen Pferden. Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist? Ich meine… du siehst nicht gerade gut aus?« Doch Jaden achtete nicht weiter auf sie, sondern versuchte beinahe verzweifelt sich zu den beiden Jungen nach vorne zu quetschen. Der junge Mann, dessen Name wohl Zane war, wenn er es richtig mitbekommen hatte, hielt eine seltsame Vorrichtung in den Händen, die das Gefährt wohl steuerte.
„Verdammt, es ist egal, was mit mir ist! Beeilt euch einfach, macht schneller, wir müssen sofort zu Jesse! Oh Gott, warum habt ihr uns überhaupt getrennt, das konnte ja nicht gut enden, verdammter Mist, macht schneller, hab ich gesagt!“ Begleitet wurde das Ganze von mehreren hektischen Handbewegungen, die das Gesagte vielleicht nicht wirklich unterstrichen, aber zumindest seine Unruhe mehr als nur deutlich machten.
»Ich… habe keine Ahnung, was er sagt, aber ich glaube er will, dass du das Gaspedal durchdrückst und dich beeilst, Zane«, murmelte Atticus und Jaden nickte eifrig, während er Zane mit einem flehenden Blick ansah. „Bitte… bevor er etwas tut, was er hinterher bereut.“
Zane blickte ihn für einen Moment lang mit dunklen, undurchschaubaren Augen, bevor er seufzend nach einem Hebel griff, der irgendwo zwischen Jadens Beinen lokalisiert zu sein schien.
»Nun gut, vielleicht sollten wir auf ihn hören, er wird seinen Partner besser kennen als wir… alle festhalten, das könnte jetzt ein wenig ungemütlich werden.«
Jaden war für einen winzigen Moment erleichtert, dass der Andere auf ihn gehört hatte, wenn er ihn schon nicht verstanden hatte, bevor ihm bewusst wurde, dass er Zanes Warnung besser hätte ernst nehmen sollen. Hätte Atticus nicht im letzten Moment einen Arm um seine Hüfte gelegt und ihn zu sich auf den Sitz gezogen, wäre er wohl gegen Zane geknallt und hätte ihre sowieso schon schwierige Reise zu einem unmöglichen Unterfangen gemacht. Sein verzweifelter Versuch, sich mit seinem telekinetischen Sinn irgendwo festzuhalten, wurde jedenfalls mit dem metallischen Knirschen des Gefährtes beantwortet und er ließ seinen Griff sofort wieder los. Nicht, dass er sich sowieso lange hätte halten können – selbst diese eigentlich kleine Bewegung führt ihm wieder lebhaft vor Augen, dass er sich nicht in einer körperlichen Befassung befand, in der er seine Fähigkeit einsetzen sollte und er ließ seinen Kopf mit einem gequälten Stöhnen in seine Handflächen fallen. Er wollte in diesem Moment einfach nur wissen, dass es Jesse gut ging und sich in seiner Nähe zu einer Kugel zusammenrollen, um die Schmerzen auszuharren. Atticus tätschelte ihm beruhigend den Rücken.
»Ganz ruhig, Kumpel, lass das Auto ganz. Ich hab dich, du musst dir keine Sorgen machen, wir sind gleich bei deinem Freund.«
Diese Prognose schien sich zu bewahrheiten – Jaden konnte durch das Glas sehen, dass das Zentrum des Wolkenwirbels am Himmel bereits beinahe direkt über ihnen sein musste. Schlamm spritzte auf und setzte sich auf den Fenstern ab, als Zane das Steuerungsrad herumriss und die Räder des Gefährts im weichen, nachgiebigen Erdboden durchdrehten, da sie dort keinen Halt mehr fanden. Irgendwie schafften sie die Wende trotzdem und die letzten Meter waren glücklicherweise eine relativ gerade Strecke, für die Zane noch einmal alles aus dem metallenen Gefährt herauszuholen schien. Das Anhalten hingegen schien dann wieder nicht mehr so gut zu funktionieren und Jaden wäre wohl kopfüber in die vordere Glasscheibe gerauscht, hätte Atticus nicht beide Arme fest um seinen Oberkörper geschlungen und ihn gerade noch so festgehalten. Jaden interessierte es schon gar nicht mehr wirklich – er hatte Jesse durch die seitliche Scheibe erspäht und alles in ihm drängte seinem Partner entgegen, der mit dem Rücken zu ihm im Eingang eines großen Gebäudes stand. Es war reiner Instinkt, alle Hürden zwischen ihnen zu beseitigen und seine Telekinese antwortete dem Verlangen sofort – die metallene Tür des Gefährts flog mit einem Krachen aus den Angeln und blieb auf halber Strecke zwischen ihnen im Dreck liegen. Atticus unter ihm seufzte, während Zane hinter ihm scharf die Luft einzog.
»Verdammte scheiße, das war ein nagelneuer Militärtruck, die Dinger sind beinahe unzerstörbar! Wie hat er das geschafft?!«
Jaden versuchte verzweifelt, aus dem Gefährt herauszukommen, fiel dabei aber mehr über seine eigenen Glieder, als tatsächlich auszusteigen und Jesse damit näher zu kommen. Atticus festigte den Griff seiner Arme ein wenig um ihn.
»Chill, Kleiner! Wir sind doch da, du musst dich nicht noch mehr verletzen, um zu ihm zu kommen!«
Mit einigen schnellen Handgriffen hatte er einen Gurt, der ihn wohl im Gefährt gesichert hatte (eine praktische Erfindung, wie er ja bereits selbst feststellen durfte), gelöst und einen Arm unter Jadens Beinen hindurch geführt, während er mit dem anderen weiterhin seinen Rücken stützte. Jaden gab einen protestierenden Laut von sich, als Atticus ihn so hochhob und mit ihm auf den Armen aus dem Gefährt stieg.
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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:43 pm

»Hey! Ganz ruhig, ja?«
Jesse konnte Chazz Worte hören, doch dachte er gar nicht daran zu beruhigen. Vor allem wusste er nicht einmal, dass sein Gefühlsausbruch der Ursprung für dieses Unwetter war, welches sich immer mehr zu einem richtigen Gewitter zusammen braute. Blitze fingen an am Himmel zu zucken, dicht gefolgt vom tiefen Donnergrollen. Hassleberry hatte sich etwas weiter ins Haus zurück gezogen, anscheinend aus Angst, vielleicht von einem gelben Stral getroffen zu werden. Chazz hingegen war da dann mutiger. Er hatte selber ein paar Schritte auf Jesse zugemacht, der selber immer mehr in den Regen gestolpert war. Warum verstanden sie alle nicht, dass er einfach nur Jaden bei sich haben wollte? Dass er ihnen nicht einfach so bedingungslos vertrauen würde? In all den tausend Jahren hatten sie doch nur die Menschen der Organisation um sich herum gehabt. Oder eben nur die, welche sie bestraften oder ihnen Essen und Wasser gegeben hatten. Nie aber hatten sie einen richtigen Kontakt zu diesen Personen gehabt, geschweige denn mit ihnen freundschaftlich kommuniziert. Schnell hatten sie beide gelernt, dass das da draußen, außerhalb der Zellen, ihre Feinde waren, nicht ihre Freunde. In all den Jahrtausenden hatte Jesse immer nur Jaden gehabt, dem er bedingungslos vertrauen würde. Wie sollte er dann mal eben so Vertrauen zu einem ihm vollkommenen Fremden fassen? Chazz hatte ihm ja so mehr oder weniger keine Wahl gelassen, in dieses komische Gefährt zu steigen, sodass er sich gar nicht hatte wehren können. Natürlich lag das auch daran, dass er eben die letzten Tage nichts gegessen hatte, aber sei es drum. Nein, er würde Chazz nicht einfach so vollkommen vertrauen und gewiss würde er nicht sich beruhigen.
Alles, was er wollte, war Jaden!
Jesses Beine fingen an zu zittern. Noch immer hatte er nicht verstanden, dass es an seinen Kräften zog, dieses Unwetter hinauf zu beschwören. Denn noch immer hatte er nicht verstanden, was seine eigene besondere Fähigkeit war. Alles, was sein Denken beeinflusste war Jaden und die Sehnsucht nach dem braunhaarigen jungen Mann, der nun noch weiter weg zu sein schien, als noch vor ein paar Minuten. Es kam zumindest Jesse wie ein paar Minuten vor, was daran lag, dass er vor langer Zeit jegliches Gefühl für eben jene verloren hatte. Wie sollte er auch das Raum- und Zeitgefühl beherrschen, wenn er Tag aus und Tag ein nur die Wände seiner Zelle gesehen hatte? Diese Glastür und-
„WO IST JADEN?!“
Das Donnern wurde lauter, folgte den Blitzen schon fast auf dem Fuß. Dennoch wich Chazz nicht zurück, blieb nahe bei Jesse stehen. Die schwarzen Augen musterten den Türkishaarigen, während die schwarzen kurzen Haare, die ja etwas vom Kopf abstanden, mehr als nur leicht vom Wind durcheinander gebracht wurden. Auch Jesses Haare, die ihm bis in den Nacken reichten, waren bestimmt nicht still. Zwar würden die Blitze ihn nicht treffen – auch wenn er es jetzt gewiss nicht wusste – aber der Wind ließ ihn dennoch gewiss nicht in Ruhe. Da er eben seine Fähigkeit seit tausenden von Jahren nicht mehr gebraucht hatte, gerieten sie eben noch mehr außer Kontrolle. Doch selbst wenn er es wüsste, dass er der Ursprung dieses Unwetters wäre und es schon in Griff kriegen könnte, wäre er durch die sehr lange Pause mehr als nur leicht geschwächt. Nein, so oder so würde er dieses Unwetter nicht beherrschen können. Wie denn auch, wenn in seinem Inneren ein eigener Sturm wütete. Langsam glaubte er daran, dass Chazz ihn wirklich belogen hatte und er Jaden nie wieder sehen würde. Wut sammelte sich in seinem Inneren und war auch klar und deutlich in seinen smaragdgrünen Augen zu sehen. Langsam hob Chazz seine Hände zur einer abwehrenden Geste. »Du musst dich beruhigen, sonst-« Sonst? Sonst was? Chazz sprach aber nicht weiter, sondern starrte etwas hinter dem Türkishaarigen an.
Genau in dem Moment hörte Jesse die quietschenden Reifen.
Und die scheppernde Tür, die hinter ihm mit voller Wucht zu Boden fiel!
Erschrocken wirbelte Jesse herum.
Nur um im nächsten Moment fast zu strahlen.
Kaum hatte er seinen Partner entdeckt, erloschen die Blitze. Der Donner verstummte und auch der Himmel klärt sich wieder auf. Sein Herz raste wie wild, während er den Anderen beobachtete, wie dieser versuchte aus dem komischen Gefährt zu steigen. „JADEN!“ Der Himmel war wieder klar und die Sterne, sowie der Mond, beleuchteten die Lichtung. Chazz war Jesse nun mehr als nur egal. Seine ganze Aufmerksamkeit lag auf Jaden, der von so einem komischen Mann hoch gehoben und raus getragen wurde. Er hatte nicht mitbekommen, was die beiden besprochen hatte, doch konnte er sehen, dass es Jaden so gar nicht gefiel getragen zu werden. Seinen Instinkten folgend taumelte er auf die beiden zu, um Jaden so nahe wie möglich zu sein – ohne ihn zu berühren verstand sich.
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Jaden Yuki

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:43 pm

Atticus war nur einige von dem Gefährt entfernt, da verlangte Jaden mit mehr als nur einem verärgerten Blick danach, aus den Armen des Anderen entlassen zu werden. Jesse kam ihnen schließlich entgegen getaumelt und für diese letzten, wenigen Schritte würde er die Kraft aufbringen – irgendwie. Also begann er, unruhig im relativ lockeren Griff des Braunhaarigen zu zappeln. Als Atticus nicht schnell genug schaltete, warf er seine Beine einfach mit einem ungeduldigen Laut und einer gewagten Bewegung über den Arm, der sie in der Höhe hielt. Um nicht an Ort und Stelle zusammenzubrechen, musste er sich jedoch für einige Sekunden lang an dem anderen Jungen abstützen, bevor er genug Atem gesammelt hatte und sich dazu in der Lage fühlte, mit wackeligen Schritten ebenfalls auf seinen Partner zu zuschreiten. Atticus stieß einen besorgten Laut aus, als sich Jaden von seiner Schulter löste, und wollte schon stützend nach seinem Arm greifen, aber Zane hielt ihn zurück und zog ihn sogar noch ein wenig zurück.
»Lass sie«, murmelte er seinem Freund zu. »Die beiden brauchen das jetzt. Zusammen sind sie stärker, das weißt du – außerdem werden sie wohl am besten wissen, was sie sich zumuten können.« Atticus sah nicht besonders überzeugt aus, aber als auch das Mädchen neben ihm auftauchte und ihm stumm eine Hand auf den Arm legte, zog er sich wie gewünscht zurück, wofür Jaden mehr als nur dankbar war. Er wusste nicht, was er in seiner momentanen Verfassung getan hätte, um ihn abzuschütteln – sein kompletter Körper schien nur noch auf Instinkt und (vor allem) Notreserve zu funktionieren.
»Ich hoffe, du hast recht. Und dass sein Partner noch mehr Reserven hat, als man ihm jetzt gerade ansieht, und den Kleinen notfalls auffangen kann – der macht das nämlich nicht mehr lange mit.«
Während sie so aufeinander zukamen, beinahe im Gleichschritt und mit spiegelgleichen Bewegungen, ließ Jaden seinen Blick über die Gestalt seines Partners wandern und musste Atticus im Stillen zumindest in einem Recht geben – er wusste zwar nicht, wie er selbst gerade aussah, aber Jesse wirkte auf jeden Fall, als würden seine Beine jeden Augenblick unter ihm nachgeben. Obwohl sich der Sturm innerhalb von Millisekunden beruhigt hatte und den Blick wieder auf eine sternenklare Nacht freigegeben hatte, nachdem Jesse sich der relativ unverletzten Anwesenheit seines Partners vergewissert hatte, sah man ihm die Anstrengungen sehr wohl an, die es ihn gekostet hatte, den Sturm überhaupt erst heraufzubeschwören. Sein gesamter Körper zitterte wie Espenlaub und sein Gesicht wirkte im Licht des Mondes unnatürlich fahl, selbst für einen Menschen, der von Natur aus bereits ziemlich blass war und die Strahlen der Sonne seit über einem Jahrtausend nicht mehr auf der Haut gespürt hatte. Seine Züge wirkten angespannt und erschöpft, obwohl seine Erleichterung und das freudige Leuchten in seinen Augen bei Jadens Anblick mehr als offensichtlich waren und es nicht den lauten Ausruf seines Partners gebraucht hätte, um Jaden zu versichern, dass sich auch außerhalb ihrer Zellen nichts an ihrem Verhältnis zueinander geändert hatte – außer vielleicht, dass nun die Möglichkeit bestand, dass zwischen noch andere Gefühle als diese unerträgliche Sehnsucht zwischen ihnen erblühen würden.
Als nur noch die zerstörte Tür des Gefährtes zwischen ihnen lag, blieb Jaden stehen und blickte Jesse für einige Herzschläge nur stumm an. Es war ein seltsames Gefühl zu wissen, dass da keine Glasscheibe mehr existierte, die sie voneinander trennte – dass ihre Zellen und ihre körperliche wie geistige Gefangenschaft zumindest vorerst der Vergangenheit angehörte (denn so wirklich trauen tat er den Leuten, die sie da befreit hatten, noch lange nicht – er mochte ihnen dankbar sein dafür, dass sie sie beide dort rausgeholt hatten, aber wer wusste schon, was sie im Gegenzug von ihnen dafür verlangen würden?). Dass ihn nichts mehr davon abhielt, einfach seine Hand auszustrecken und sie gegen die warme Wange des Menschen zu legen, der sein eigenes Leben schon seit seiner Geburt bestimmte, ohne dafür auch nur einen Finger krümmen zu müssen, einfach, indem er existierte – nichts, außer der eigenen Willensstärke und dem Verlangen, den Anderen vor allem auf der Welt beschützen zu wollen, auch oder sogar vor allem vor sich selbst.
Jaden spürte, wie der emotionale Ausbruch, der schon seit so langer Zeit überfällig war, sich unaufhaltsam in ihm hinauf kämpfte und mit einer letzten Kraftanstrengung seiner Telekinese schleuderte er das Stück nutzloses Metall zwischen ihnen zur Seite, bevor er vor Jesse auf die Knie ging. Sie wären früher oder später sowieso unter ihm weggebrochen und so konnte er den Fall zumindest ein wenig kontrollieren. Für einen Moment senkte er den Kopf und es wirkte beinahe so, als wollte er seine Stirn an die Knie seines Partners lehnen. Dann jedoch begannen seine Schultern zu beben.
»Oh, oh nein«, murmelte Atticus. »Er wird doch jetzt nicht etwa – «
Jaden warf den Kopf in den Nacken zurück und brach in hohes, gebrochenes, mehr als nur ein wenig hysterisch klingendes Lachen aus. Tränen rannen hinter seinen geschlossenen Augenlidern hervor und flossen in kleinen Rinnsalen über seine Wangen hinab zu seinem Kinn, von wo sie seinen Hals hinunter tropften und in seinem schwarzen Shirt versickerten.
„Wir… wir sind tatsächlich frei, Jesse! Wir sind frei… weg von dieser Zelle und weg von dieser Organisation. Wir sind frei!“ Langsam öffnete er seine Augen wieder und starrte zu Jesse hinauf, ein befreites Lächeln auf den Lippen und ein Leuchten im Blick, das er selbst schon vor Jahrhunderten für auf ewig erloschen gehalten hatte. „Wir sind frei…“, flüsterte er und streckte ihm die Hand entgegen, Handfläche zu seinem Partner zeigend und die Finger leicht gespreizt, wie sie es so oft auf zwei Seiten eines Ganges getan hatten, getrennt durch zwei Scheiben Panzerglas und einer Entfernung, die für sie wie unüberwindbar gewirkt hatte.
»Ich habe das Gefühl, irgendwas bekommen wir hier nicht mit«, drang die Stimme des einzigen Mädchens wie aus weiter Ferne zu Jaden hindurch. »Müssten sich die beiden nicht schon längst in den Armen liegen? So nach all dieser Zeit?«

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Jesse Anderson

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BeitragThema: Re: Rettungsversuch   Di Okt 11, 2016 11:44 pm

Jesse bekam von der Welt um sich herum nichts mehr mit, als Jaden sich auf ihn zubewegte und am Ende nur noch dieses komische Ding, was sich von dem einen Gefährt gelöst hatte und danach durch die Luft fliegend sich diesen Platz als Landeort ausgesucht hatte, zwischen ihnen lag. Doch auch das war ihm nicht so ganz gegönnt, denn schon wurde es noch einmal ein Stück weg geschleudert, wohl von Jaden, einen anderen Grund konnte Jesse sich nicht erklären. Ihm wäre es auch relativ gleichgültig, wenn dieser Gegenstand Beine bekommen hätte um von selbst zu gehen. Für ihn bedeutete das alles nur, dass es nichts mehr gab, was zwischen Jaden und ihm lag – außer natürlich dieser Tatsache, dass sie sich nicht berühren durfte. Dennoch aber konnte Jesse nicht verhindern, dass ihn ein starkes Gefühl von Glück empfing, welches seinen gesamten Körper erfasste und ihn, mit letzter Kraft, noch gerade so auf den Beinen hielt.
Er hatte vorher seinen Blick über seinen Partner schweifen lassen um zu sehen, ob es Jaden soweit gut ging. Resultat: keine offensichtlichen Verletzungen zu sehen, sehr gut. Dennoch war ihm nicht entgangen, wie schwach der Andere wirkte, sodass er nichts lieber getan hätte, als die Arme nach ihm auszustrecken und ihn aufzufangen, damit Jaden nichts passierte. Aber er konnte nicht, war dazu verdammt, ihm nicht noch näher kommen zu dürfen. Was das anging, war er immer noch verflucht, so schön es auch war, frei zu sein – sie waren immer noch verflucht.
Als Jaden vor ihm in die Knie ging, wusste Jesse nicht, was er tun sollte. Vor allem, als der Andere anfing den Kopf in den Nacken zu werfen und zu lachen, während ihm Tränen über die Wangen liefen. Langsam kniete auch Jesse sich hin, während sein Blick einzig und alleine auf Jaden ruhte. Die ganzen Menschen um ihn herum waren ihm egal, vor allem auch, was sie sagten. Wie gerne würde er die Tränen seines Partners weg wischen? Ihm über die Wange streichen und beobachten, wie Jaden sich dagegen lehnen würde, ganz gewiss würde er das tun. Aber nein, er konnte es nicht. So bedachte er Jaden lieber, wie dieser anfing zu reden, während sich auf seinen eigenen Lippen ein Lächeln ausbreitete – ein trauriges aber dennoch ehrliches Lächeln. Dieses wurde aber sanfter, als er die leuchtenden Augen seines Partners sah. „Ja, wir sind frei...“, hauchte er nur leise und streckte seine Hand – wie ein Spiegelbild – der von Jaden entgegen. Man könnte meinen, ihre Finger würden sich nun miteinander verschränken, doch traute Jesse sich nicht, diesen letzen Schritt zu tun, sodass sie nur Millimeter trennten, ehe sie sich ganz berühren könnten. Doch sie durften es einfach nicht, zudem sollte es wohl auch nicht mehr dazu kommen. Nicht einmal zu der Versuchung weiterhin.
Denn Jaden klappte in diesem Moment zusammen.
Jesse hatte gerade seine Hand zurück gezogen, als Jadens Augenlider nieder klappten und er zur Seite kippte. Und dieser Kerl, der ihn eben schon getragen hatte, war zu ihm geeilt und hatte ihn aufgefangen. »Warum hast du ihn nicht aufgefangen? Was ist denn los mit euch?« Jesse wendete nur den Blick ab, während sein Körper anfing zu zittern. Es tat ihm weh, dass ihm etwas vorgeworfen wurde, dass er etwas nicht getan hatte, was er ja nicht tun dürfte, egal, wie sehr er es wollte. Natürlich hatte er Jaden auffangen wollen, aber es war ihm einfach nicht gestattet.
»Atticus...«
»Aber...es ist doch wahr.«
Genau in diesem Moment merkte Jesse, wie er leicht nach hinten kippte, weil auch seine Kräfte ihn langsam verließen, als er Arme spürte, die ihn auffingen. Genau in dem Moment, als es dunkel um ihn herum wurde.

Jim stand langsam auf, als er Jesse sicher im Arm hielt. »Atticus, trag Jaden bitte hinter mir her. Wir müssen sie schlafen legen...« Der Angesprochene nickte nur, hob Jaden hoch und ging mit seinem dunkelhaarigen Kollegen den Weg ins Haus, wo sie die beiden sprapazierten Seelen erst einmal von der Schmutzkleidung befreiten, ihnen leichte Schlafanzüge anzogen, ehe die beiden ehemaligen Gefangen in ein gemeinsames Doppelbett gelegt wurden. Noch kurz betrachteten Atticus und Jim die beiden, ehe sie diese in Ruhe ließen, damit sie in Ruhe wieder zu Kräften kommen konnten. Alles andere hatte Zeit, dies war klar.

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Rettungsversuch
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